Als jüngste von vier Geschwistern wurde Anette Albrecht 1965 in Peine geboren. Ärzte
prognostizierten ihr aufgrund ihrer Behinderung Osteogenesis imperfecta („Glasknochen“) eine Lebenserwartung von maximal einem Jahr.

Als jüngste Tochter musste sie schnell lernen, sich gegenüber ihren älteren Geschwistern zu behaupten. In der Erziehung gab es kaum Unterschiede. Was ihr jedoch auffiel: Ihre Geschwister durften uneingeschränkt toben, während sie selbst ständig aufpassen sollte, dass nichts passiert.

Das Schulamt legte ihrer Mutter nahe, ihre Tochter in einer Sonderschule für körperbehinderte Kinder einschulen zu lassen. Der Durchsetzungskraft der Mutter ist es zu verdanken, dass Anette Albrecht die nahegelegene Regelschule besuchen konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde Anette Albrecht durch das Vorbild ihrer Mutter bewusst, dass man auch Schwieriges erreichen kann, wenn man wirklich will.

Nach der Grundschule besuchte Anette Albrecht eine Schule für Körperbehinderte, die 40 Kilometer von zu Hause entfernt lag. Der Besuch einer weiter-führenden Schule in ihrem Heimatort standen bauliche Barrieren im Weg. Erst diese Umstellung auf die neue Schule machte ihr wiederum bewusst, dass sie eine „Behinderung“ hat und damit „anders als andere“ ist – dafür sorgte das Selbstverständnis einzelner Lehrer, die die Schülerinnen und Schüler in der Klasse nicht wie andere, nichtbehinderte Kinder behandelten, sondern ihr und ihren neuen Mitschüler/innen eine Sonderstellung zukommen ließen. Anette Albrecht war sehr aktiv und wurde in den letzten Jahren ihrer Schulzeit zur Klassensprecherin gewählt.

Nach Erreichen des Realschulabschlusses zog Anette Albrecht dann nach Neckargemünd in das dortige Rehabilitationszentrum. Hier absolvierte sie ihre berufliche Ausbildung zur Bürokauffrau und lernte zusätzlich, selbständiger und selbstbestimmter zu leben. Wieder wurde sie Klassensprecherin.

Mit erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung verließ sie das Rehabilitationszentrum, suchte sich eine Arbeit und zog in eine private Wohngemeinschaft. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie ganz auf sich selbst gestellt, außerhalb des Elternhauses und institutioneller Einrichtungen – wie die meisten Menschen ohne Behinderung in diesem Lebensabschnitt. Ihre notwendige pflegerische und begleitende Hilfe stellte sie mittels eines ambulanten Pflegedienstes (Zivildienstleistende) sicher.

Seit 1992 setzte sie das Arbeitgeberinnen-Modell um, heißt: sie war Arbeitgeberin für ein Großteil der Menschen, die ihre persönliche Assistenz sicherten. Dadurch konnten dauerhaft sechs Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Kontakt zu Freunden, die noch im Rehabilitationszentrum wohnten, zeigte Anette Albrecht immer wieder, wie schwierig dieser für sie selbstverständliche Schritt für andere war. Für sie war der Auszug aus dem Rehabilitationszentrum in eine eigene Wohnung und damit in ein eigenes selbst-bestimmtes Leben trotz der Schwierigkeit der dauerhaft notwendigen Assistenz nie in Frage gestellt. Dieses Ziel vor Augen ließ sie alle bürokratischen Hürden und Behördengänge meistern.

Für viele ihrer Freunde und Bekannten, die am Rehabilitationszentrum verblieben waren, stellte der Beginn einer eigenständigen Lebensorganisation unüberwind-bare Schwierigkeiten dar – die im Weg liegenden Steine waren für viele ein zu großes Hindernis. Diesen Freunden half Anette Albrecht weiter, indem sie ihnen ihren Weg vorlebte und sie unterstützte.

Ihren ersten Arbeitsplatz erhielt Anette Albrecht beim Arbeiter-Samariter-Bund in Heidelberg als Verwaltungsangestellte. In ihrem Zuständigkeitsbereich lagen vor allem die Erstellung von Abrechnungen des Betreuungsdienstes sowie die Klienten- bzw. Zivildienstleistendenverwaltung.

Bereits während ihrer Ausbildung im Rehabilitationszentrum hatte Anette Albrecht sehr viele unterschiedliche Menschen mit ganz verschiedenen Hinter-gründen und speziellen Problemen kennen gelernt. Dieser Kreis erweiterte sich durch ihre berufliche Tätigkeit beim Arbeiter-Samariter-Bund. Hier wie dort war es ihr stets ein Anliegen, andere nach ihren Kräften zu unterstützen.

In dieser Zeit organisierte Anette Albrecht zusammen mit einigen Freundinnen mit Behinderung ihre erste Tagung zum Thema: „Selbstbild, Frembild, Sexualität“ und stand unter dem Motto “Von Frauen mit Behinderung für Frauen mit Behinderung“.

Bereits bei der Vorbereitung der Tagung und auf der Suche nach Bildern/ Fotos von Frauen mit Behinderung wurde klar, dass weite Teile der Bevölkerung Frauen mit Behinderung als bemitleidenswert ansahen - als Objekte, die in erster Linie aus Sicht von Therapeut/innen und Ärzt/innen thematisiert wurden. Ihr Blick auf die Frauen war zumeist defizitorientiert. Deshalb machte Anette Albrecht mit zwei weiteren Frauen des Vorbereitungsteams selbst Fotos. Sie zeigten einige der Fotos während der Tagung und stießen auf begeisterte Reaktionen.

Ein Ergebnis der Tagung war damit die Entstehung der Fotoausstellung „Geschlecht: behindert – Merkmal: Frau“. Die Ausstellung drückt noch heute den Wunsch von Frauen mit Behinderung nach Gleichstellung aus, will Besucher/innen mit eventuellen eigenen Vorurteilen konfrontieren, zur eigenen und zur Auseinandersetzung mit anderen anregen und Vorurteile möglichst beseitigen.

Seit 1992 waren die Bilder in über 80 bundesdeutschen Städten zu sehen. Zur Vernissage reiste Anette Albrecht meist persönlich an, um den Besucher/innen die Hintergründe zu erläutern und um für Fragen Rede und Antwort zu stehen. Die erste Ausstellungseröffnung wurde gemeinsam mit der Leiterin des heutigen Amtes für Chancengleichheit der Stadt Heidelberg, Dörthe Domzig, eröffnet.

Die Ausstellungseröffnungen sorgten für eine breite Resonanz seitens der Presse. Aufgrund der häufigen Nachfrage nach einzelnen Bildern liegt seit 1998 der Bildband zur Ausstellung vor. Die damalige Oberbürgermeisterin Heidelbergs, Frau Beate Weber, unterstützte die Veröffentlichung des Bildbandes von Anfang an, indem sie ein Vorwort hierfür schrieb und bei der Präsentation eine Rede hielt.

Ein anderes Ergebnis der Tagung war folgendes: Die Beiträge und Diskussionen der Teilnehmerinnen führte den Tagungsorganisatorinnen vor Augen, wie viele Frauen mit Behinderung Unterstützung benötigen, Antworten auf ihre Fragen suchen und sich in der Beratungslandschaft sowie in Einrichtungen nicht mit ihren eigenen Bedürfnissen und Fragen wahrgenommen fühlen, sodass für Anette Albrecht und die anderen Tagungsorganisatorinnen Handlungsbedarf bestand. Es musste eine Einrichtung geschaffen werden, an die sich speziell Frauen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung wenden können, die Unterstützung dabei suchen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ein Platz, an dem sie sich sicher fühlen und einfach ohne Bevormundung sie selbst sein können. Und ein Ort, der auch konkrete Hilfestellungen bietet - sei es beim korrekten Ausfüllen von schwierigen Anträgen, der Sicherstellung der jeweils am besten geeigneten Assistenz vor Ort (z.B. gemäß dem von Anette Albrecht selbst praktizierten Arbeitgebermodell) oder bei anderen akuten Problemen.

So gründete Anette Albrecht zusammen mit einigen anderen Frauen mit Behinderung im Jahr 1992 das „BiBeZ - Ganzheitliches Bildungs- und Beratungszentrum zur Förderung und Integration behinderter/ chronisch erkrankter Frauen und Mädchen e.V.*“ mit Sitz in Heidelberg.

Nach einer Anlaufzeit wechselte Anette Albrecht vom Vorstand zur ersten hauptamtlichen Mitarbeiterin des Vereins, um die federführende Leitung zu übernehmen. Der Verein wuchs ständig, genoss von Anfang an eine breite ehrenamtliche Unterstützung und beschäftigt heute drei hauptamtliche Mitarbeiterinnen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung. Zudem wird der Verein bis heute von einigen kommunalen Politiker/innen unterstützt.

Das Tätigkeitsgebiet des Vereins erstreckt sich bundesweit. Die Angebote richten sich in erster Linie an Frauen und Mädchen mit Behinderungen aber auch an deren Angehörige sowie an Mitarbeiter/-innen aus helfenden Berufen (Erzieher/innen, Pflegekräfte, Lehrer/innen,…). Ein Schwerpunkt der Arbeit im BiBeZ e.V. war von Anfang an die Beratung. Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen oder Erkrankungen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen wenden sich seither mit den verschiedensten Fragen an die Mitarbeiterinnen des BiBeZ e.V. .

Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit des BiBeZ e.V. ist von Beginn an die Bildung. Die Seminare und Tagungen werden weit über Heidelberg hinaus nachgefragt und gebucht.

Für Anette Albrecht und ihre Mitstreiterinnen war von Beginn an übergeordnetes Ziel und erklärtes Ziel sowohl der Beratungs- als auch der Bildungsangebote, die Frauen und Mädchen an ihre eigenen Fähigkeiten und Ressourcen zu erinnern, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, ihnen Informationen an die Hand zu geben, mit Hilfe derer sie selbstbewusster und mutiger auftreten können und sie bei einer selbstbestimmten Lebensplanung und -führung zu unterstützen. Die Angebote für die Mitarbeiter/innen ermöglichen diesen einen Perspektivwechsel bzw. einen tieferen Einblick in das Leben mit Behinderung/ chronischer Erkrankung, sollen das Verständnis dieser für die Situation der Frauen und Mädchen, mit denen sie zu tun haben, verstärken.

Hilfreich war von Anfang an sowohl bei der Arbeit mit den Frauen und Mädchen, als auch mit deren Angehörigen und nahen Bezugspersonen sowie für die Arbeit mit Menschen aus helfenden Berufen die eigene Behinderung/ chronische Erkrankung der Mitarbeiterinnen des BiBeZ e.V., die diese selbstbewusst und als Expertinnen in eigener Sache nutzen.

Auch politisch sollte mitgemischt werden im BiBeZ e.V. So gelang es Anette Albrecht, gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen ein Netzwerk aufzubauen und in unterschiedlichen Gremien als Expertin für die Angelegenheiten von Frauen und Mädchen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung mitzuarbeiten. Seither waren und sind die Mitarbeiterinnen des BiBeZ e.V. durchgängig aktiv, mischen sich bei der Planung und Durchführung regionaler Veranstaltungen ein und beteiligen sich an Arbeitskreisen.

Anette Albrecht war bekannt führe ihre beharrliche aber charmante Art, für die Belange von Frauen und Mädchen mit Behinderung zu sensibilisieren und für deren Forderungen einzustehen und diese einzufordern. Sie war in den verschiedenen Arbeitskreisen und Organisationsteams gern gesehen und auch von Seiten städtischer Mitarbeiter/-innen wurde gern auf ihr Wissen und auf ihre Erfahrungen zurück gegriffen.

Anette Albrecht war im Rahmen ihrer Tätigkeit im BiBeZ e.V. unter anderem in folgenden Arbeitskreisen und Organisationen aktiv (Aufzählung nicht vollständig): -

  • Aktion Grundgesetz
  • Regionales Aktionsbündnis zur Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen rund um den 5. Mai (Europaweiter Tag zur Gleichstellung behinderter Menschen)
  • Mitglied im Arbeitskreis HIM (Heidelberger Interventionsmodell)
  • Frauenprojekte-Treffen: Vernetzung von Frauenprojekten der Stadt Heidelberg
  • Arbeitsgemeinschaft Heidelberger Frauenverbände und Frauengruppen
  • Forum Chancengleichheit
  • LIANE – landesweites integratives autonomes Netzwerk für Frauen und Mädchen mit Behinderung und/ oder chronischer Erkrankungen in Baden Württemberg e.V.
  • Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter: Ansprechpartnerin und Kontaktstelle für den Raum Heidelberg Auch privat war Anette Albrecht u.a. in folgenden Zusammenhängen aktiv:
  • Arbeitsgemeinschaft Osteogenesis imperfecta
  • Individualhilfe Heidelberg (Ambulanter Dienst und Verein)
  • Vorstandstätigkeit im Frauennotruf Heidelberg
  • Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK e.V.) Krautheim
  • Forum selbstbestimmter Assistenz

Zwei ihrer Engagementfelder, die im Rahmen ihrer Tätigkeit im BiBeZ e.V. von ihr wesentlich mit initiiert wurden, Anette Albrecht jedoch immer auch ein ganz besonderes persönliches Anliegen waren, sollen an dieser Stelle gesondert erwähnt werden:

• LIANE – Landesweites integratives autonomes Netzwerkfür Frauen mit Behinderung und/ oder chronischen Erkrankungen in Baden-Württemberg e.V. Anette Albrecht war in nicht unerheblichem Maße bei der Initiierung und Gründung des Netzwerkes LIANE beteiligt und dort nach der Vereinsgründung Sprecherin und 1. Vorsitzende.

• Beirat von Menschen mit Behinderungen der Stadt Heidelberg Ein großes Ziel von Anette Albrecht war es weiterhin, für einen Beirat von Menschen mit Behinderung der Stadt Heidelberg zu kämpfen. Sie war seit der ersten Stunde maßgeblich beteiligt an den Entwicklungen und arbeitete aktiv mit in den Arbeitsgruppen zur Gründung eines Beirats für Menschen mit Behinderungen der Stadt Heidelberg. Anette Albrecht war – zusammen mit Ralf Baumgarth (Der PARITÄTISCHE Heidelberg), der vom Gemeinderat den Auftrag bekam, den Prozess der Initiierung des Beirats von Menschen mit Behinderung zu begleiten und zu moderieren, - aktiv beteiligt und bei den Gesprächen mit den städtischen Mitarbeiter/innen dabei. Hierzu Mehmet Kilic.

Im Oktober 2000 wurde Anette Albrecht in Berlin von Bundespräsident Johannes Rau für ihr unermüdliches Engagement mit dem Bundesverdienstorden (Achtung: die pdf-Datei, die sich hier öffnet, ist leider sehr groß und nicht barrierefrei!) ausgezeichnet.

Gleichberechtigte Teilhabe an dieser Gesellschaft auf allen Ebenen für Menschen mit Behinderung/ chronischer Erkrankung - und dabei immer auch das besondere Augenmerk auf die Situation von Frauen und Mädchen gerichtet –, war das Ziel, für das sie sich stets einzusetzen bereit war. Das Recht darauf, die eigene Individualität, Originalität und Persönlichkeit zu bewahren und zu stärken und ein selbstbestimmtes Leben leben zu können, war für Anette Albrecht eine Selbstverständlichkeit, ja ein Grundrecht, das allen zustand.

Diesen Grundsatz lebte Anette Albrecht selbst aktiv und ganz selbstverständlich vor. Sein zu dürfen – trotz und mit der jeweiligen Behinderung – einfach als Mensch, als Frau, das war ihre Haltung, mit der sie nicht nur die Arbeit des BiBeZ e.V. prägte und vielen ratsuchenden Frauen und Mädchen hilfreich sein konnte, sondern mit der sie allen Menschen begegnete.

Ihr plötzlicher Tod im August 2007 war für viele, die sie kennen lernen durften, unglaublich und viel zu früh.

RNZ anlässlich ihres Todes
MaMo anlässlich ihres Todes
Nachruf des Amts für Chancengleichheit
Traueranzeigen Stadt Heidelberg & BiBeZ e.V.